Steh Auf!

„Alle biologischen Phänomene sind letzten Endes auf physikalische und chemikalische Gesetze reduzierbar.“ – E. O. Wilson

Schmerzen, eingeschränkte Mobilität und geringe Lebensqualität, die aus strukturellen Störungen der Füße resultieren, betreffen mehr als 60 % der älteren Erwachsenen(Dunn et al., 2004). Hallux valgus (Ballenzeh) ist die häufigste Störung (Nix et al., 2010), die zu einer Reihe von Mobilitätsproblemen und Schmerzen in den Füßen, unteren Beinen, Knien und darüber hinaus führt. Das regelmäßige Tragen von Schuhen mit einer nicht anatomisch geformten Zehenkappe bedingt die Entwicklung von Hallux valgus (Munteanu et al., 2017). Hierbei greift das Wolffsche Gesetz, das besagt, dass sich Knochen durch die auf sie wirkenden Kräfte verändern (Wolff, 1892). Dasselbe Gesetz besagt auch, dass unter entsprechenden Bedingungen (Platz zum Ausdehnen und Krafteinwirkung) die Fußstruktur positiv verändert werden kann.

Eine frühe Studie berichtet über eine vollständige Auflösung eines Hallux valgus über einen Zeitraum von zwei Jahren, als dem Patienten anatomisch geformtes Schuhwerk verordnet wurde (Knowles, 1953). Die passende Schuhform ist jedoch nur ein Teil der Lösung. Sicher, der Fuß benötigt Platz, um sich auszudehnen und damit die Zehen sich spreizen können. Aber der Fuß muss auch mit Körpergewicht belastet werden, wenn er sich in den zur Verfügung stehenden Raum ausdehnen soll. Bei der Belastung mit Körpergewicht beim Stehen dehnt sich der Fuß in die Länge (1,5 %) und in die Breite (4,3 %) aus und er flacht ab (-9,3 %) (Houston et al., 2006). Somit bietet Stehen die ideale Stimulation für vorteilhafte Strukturveränderungen an beeinträchtigten Füßen.

Ein weiterer Beleg für die Stimulation der Fußstruktur durch Körpergewicht findet sich in einer Studie zu Füßen in der Schwangerschaft. Eine Längsschnittstudie von 49 Frauen ergab, dass die Bogenhöhe abnahm und Fußflexibilität, -länge und -breite mit steigendem Körpergewicht im Laufe der Schwangerschaft zunahmen. Zudem waren die strukturellen Veränderungen von dauerhafter Natur (Segal et al., 2013).

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich Füße mit Hallux valgus und starrem, hohem Fußlängsgewölbe wiederherstellen lassen, indem sie mit der Kraft des Körpergewichts belastet werden (Stehen), wenn dabei Schuhwerk getragen wird, das den Knochen genügend Freiraum bietet, damit sie sich wieder ausbreiten und wieder eine natürliche anatomische Haltung annehmen können. Es sollte beachtet werden, dass sich diese Empfehlung auf leichte/moderate strukturelle Probleme bezieht. Setzt man schwerwiegend beeinträchtigte Füße (abgesenkt/schwerer Hallux valgus) der Belastung beim Stehen aus, verschlimmern sich dadurch Schmerz und Deformation. Unter diesen Umständen muss vor der Wiederherstellung durch das Stehen in entsprechendem Schuhwerk eine chirurgische Korrektur erfolgen.

Literaturhinweise

Dunn, J.E., Link, C.L., Felson, D.T., Crincoli, M.G., Keysor, J.J., McKinlay, J.B. (2004). Prevalence of foot and ankle conditions in a multi-ethnic community sample of older adults. American Journal of Epidemiology, 159, 491-498.

Houston, V.L., Lou, G., Mason, C.P., Mussman, M., Garbarini, M., Beattie, A.C. (2006). Changes in male foot shape and size with weighbearing. Journal of the American Podiatric Medical Association, 96, 330-343.

Knowles, F.W. (1953). Effects of shoes on foot form: An anatomical experiment. Medical Journal of Australia, 1, 579-581.

Munteanu, S.E., Menz, H.B., Wark, J.D., Christie, J.J., Scurrah, K.J., Bui, M., Erbas., B., Hopper, J.L., Wluka, A.E. (2017). Hallux valgus, by nature or nurture? A twin study. Arthritis Care & Research. doi 10.1002/acr.23154.

Nix, S., Smith, M., Vicenzino, B. Prevalence of hallux valgus in the general population: a systematic review and meta-analysis. Journal of Foot and Ankle Research, 3, 21.

Shine, I.B. (1965). Incidence of hallux valgus in a partially shoe-wearing community. British Medical Journal, 1, 1648-1650.

Segal, N.A., Boyer, E.R., Teran-Yengle, P., Glass, N., Hillstrom, H.J., Yack, H.J. (2013). Pregnancy leads to lasting changes in foot structure. American Journal of Physiotherapy and Medical Rehabilitation, 92, 232-240.

Wolff J. (1892). Das Gesetz der Transformation der Knochen. Berlin: A Hirschwald.

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