Die Wichtigkeit der Position und Kontrolle des großen Zehs in der menschlichen Bewegung.

„Als ich jung war, stellte ich fest, dass der große Zeh letztendlich immer ein Loch in die Socke macht. Also hörte ich auf, Socken zu tragen.” – Albert Einstein

Die Aufgabe des menschlichen Fußes besteht darin, die Richtung des Gewichtes zu stützen und zu steuern, wenn es sich während der Standphase der Vorwärtsbewegung nach vorne verlagert (Rolian et al., 2009). Grundlegende Leitsätze der Physik weisen darauf hin, dass eine große Auftrittsfläche, die in der Front am breitesten ist, diesen Zweck erfüllt.

Für die Breite des Vorderfußes und die stabilisierende Rolle des Fußes ist die Position und Funktion des großen Zehs von großer Bedeutung. Die bemerkenswerte Spreizung dieses Zehs von den anderen kennzeichnet Bevölkerungsgruppen, die sich gewöhnlich barfuß fortbewegen (Hoffman, 1905; D’Aout et al. 2009; Shu et al., 2015), und ist eine evolutionsbedingte, funktionale Anpassung, die Richtungsstabilität bietet (Chou et al., 2009) und den Druck gleichmäßig unter dem Fuß verteilt (Mei et al., 2015). Die Hauptfunktion des großen Zehs besteht darin, das Körpergewicht durch den Fuß in Gehrichtung zu lenken (Yavuz et al., 2009). Stoneham et al. (2018) demonstrierten kürzlich den Zusammenhang zwischen dem Hallux Valgus (Einwärtsdrehung des großen Zehs in Richtung der anderen Zehen) und der Fußpronation während des Barfußlaufens. Der Winkel der Einwärtsdrehung des Fußes stieg bei jedem Grad Zunahme des Hallux Valgus‘ um 0,6 Grad und stand in Beziehung mit der maximalen inneren Rotationskraft am Knie (ein Risikofaktor für Knieverletzungen bei Läufern). Plank (1995) wies bei Gehversuchen zudem eine übermäßige Pronation des Fußes bei einer Valgus-Position des großen Zehs nach.

Weitere Beweise für die Bedeutung des großen Zehs bei der Kontrolle der menschlichen Fortbewegung kommen aus der Neurophysiologie und der vergleichenden Anatomie. Hashimoto et al. (2013) kartierten die neurale Darstellung der Finger und Zehen in lebenden Menschen und Affen. Während die Finger bei Affen und Menschen getrennt im primär-sensomotorischen Kortex dargestellt wurden, war dies bei den Zehen der Affen nicht der Fall. Bei den Menschen jedoch zeigte sich eine von den anderen Zehen separierte Darstellung des großen Zehs im Gehirn. Im Gegensatz zu Schimpansen und Orang-Utans haben Menschen außerdem einen separaten und ausgeprägten Beugemuskel, der im großen Zeh sitzt (Aiello, Dean und Cameron, 1990). Die unabhängige neurale und muskuläre Kontrolle des großen Zehs unterstreicht seine Bedeutung für zweibeinige Gang- und Laufschritte, auf die Menschen spezialisiert sind.

Die einzigartige Struktur, Position und Kontrolle des großen Zehs hat sich evolutionär entwickelt, um die beim Gehen und Laufen entstehenden Kräfte zu lenken. Eine Fehlausrichtung beeinträchtigt die Kontrolle des Körpergewichts durch den Fuß und führt zu Instabilität und Verletzungen, die das Knie belasten. Durch eine begrenzte Spanne und die Vermeidung direkten Kontakts zwischen Boden und Zeh wird die Stabilität vermindert und der Druck unter dem Fuß erhöht, was jeweils eine Zunahme an Knöchel- und Überlastungsverletzungen bedeutet (Willems et al., 2005). Funktionsfähige Füße benötigen eine vollständige Spreizung und Bindung des großen Zehs mit dem Boden. Funktionsschuhe müssen dies ermöglichen.

Quellen:

Rolian C, Lieberman DE, Hamill J, Scott JW, Werbel W. Walking, running and the evolution of short toes in humans. Journal of Experimental Biology. 2009; 212:713-21.

Hoffman P. Conclusions drawn for a comparative study of the feet of barefooted and shoe-wearing peoples. The Journal of Bone and Joint Surgery. 1905; 3:105-36.

D’Aout K, Pataky TC, De Clercq D, Aerts P. The effects of habitual footwear use: foot shape and function in native barefoot walkers. Footwear Science. 2009; 1(2):81-94.

Shu Y, Mei Q, Fernandez J, Li Z, Feng N, Gu Y. Foot morphological difference between habitually shod and unshod runners. PLoS ONE. 2015; 10:e0131385.

Chou S, Cheng HK, Chen J, Ju Y, Wong MA. The role of the great toe in balance performance. Journal of Orthopaedic Research. 2009; 27:549-54.

Mei Q, Fernandez J, Fu W, Feng N, Gu Y. A comparative biomechanical analysis of habitually unshod and shod runners based on foot morphological difference. Human Movement Science. 2015; 42:38-53.

Yavuz M, Hetherington VJ, Botek G, Hirschman GB, Bardsley L, Davis BL. Forefoot plantar shear stress distribution in hallux valgus patients. Gait and Posture. 2009; 30(2):257-9.

Stoneham R, Barry G, Saxby L, Wilkinson M. Relationships between foot structure, function and peak-knee adduction moments in different footwear conditions during over-ground running. Proceedings of the Fortius International Sports Injury Conference, London: September 2018.

Plank M. The pattern of forefoot pressure distribution in hallux valgus. The Foot. 1995; 5(1):8-14.

Hashimoto T, Ueno K, Ogawa A, Asamizuya T, Suzuki C, Cheng K et al. Hand before foot? Cortical somatotopy suggests manual dexterity is primitive and evolved independently of bipedalism. Philosophical Transactions of the Royal Society B. 2013; 368(1630):20120417.

Aiello L, Dean C, Cameron J. An Introduction to Human Evolutionary Anatomy. Elsevier Science; 1990.

Willems TM, Witvrouw E, Delbaere K, Mahieu N, De Bourdeaudhuij I, De Clercq D. Intrinsic risk factors for inversion ankle sprains in male subjects a prospective study. The American Journal of Sports Medicine. 2005; 33(3):415-23.

Keine Kommentare

Die Kommentarfunktion ist derzeit deaktiviert.